Anleitung Systemisches Konsensieren (SK)

Inhaltsübersicht

Was ist Systemisches Konsensieren?

Systemisches Konsensieren (SK) ist eine Methode zur gemeinsamen Entscheidungsfindung in Gruppen , die auf dem Prinzip der Widerstandsabfrage basiert. Ziel ist es, Lösungen zu finden, die den geringsten Gesamtwiderstand auslösen und damit die höchste Akzeptanz innerhalb der Gruppe erzielen. Dabei wird nicht gefragt, wer „dafür“ ist, sondern wie groß der Widerstand gegen einen Vorschlag ist.

Durch diesen Perspektivwechsel wird:

SK fördert Rücksichtnahme, bezieht alle Meinungen ein und vermeidet das Gegeneinander klassischer Mehrheitsentscheidungen.

Warum bewerten wir mit Ablehnung (Widerstand/Einwand) statt mit Zustimmung?

Bei Gruppenentscheidungen ist es meist nicht erforderlich, dass alle begeistert für einen Vorschlag sind. Viel wichtiger ist, dass niemand gravierende Einwände hat. Deshalb fragt SK nach dem Widerstand.

Gründe für die Widerstandsabfrage:

Durch den gemeinsamen Prozess und die skalierte Widerstandsabfrage haben letztlich alle gemeinsam an der Lösung mitgewirkt und sind davon überzeugt.

Wann ist eine Zustimmungsabfrage trotzdem sinnvoll?

Eine zusätzliche Abfrage von Zustimmung kann sinnvoll sein, wenn:

Dann kann eine skalierte Zustimmungsabfrage helfen, um feine Unterschiede in den Präferenzen sichtbar zu machen.

Die Einwandsfrage vs. Widerstandsabfrage

Gibt es nur einen Vorschlag, wird die Einwandsfrage gestellt: "Hat jemand einen Einwand gegen diesen Vorschlag?"
Gibt es keinen Einwand, kann der Vorschlag umgesetzt werden. Gibt es mind. einen Einwand, wird nach weiteren Vorschlägen gefragt, und ein SK-Prozess angestoßen. Dieser besteht im einfachsten Fall aus dem Sammeln und Aufschreiben von Vorschlägen und deren Bewertung mit Widerstandspunkten. Diese werden händisch gezählt und neben die Vorschläge geschrieben. (Details siehe unten).

Situation

Frageform

Begriff

Typ

Nur 1 Vorschlag

„Hat jemand einen Einwand gegen diesen Vorschlag?“

Einwandsfrage

Geschlossene Ja-Nein-Frage

Mehrere Vorschläge

„Wie groß ist dein Widerstand gegen diesen Vorschlag?“

Widerstandsabfrage

Offene Skalenfrage (0-10)

Der Unterschied liegt in der Frageform, nicht im Begriff (Einwand/Widerstand).

Wünsche an die gute Lösung

Bevor konkrete Vorschläge gesammelt werden, ist es hilfreich, die Wünsche an eine gute Lösung festzuhalten. Diese liegen meist auf einer übergeordneten Ebene und haben oft eine verbindende Wirkung: Viele merken, dass sie ähnliche Grundanliegen haben – etwa Fairness, Umsetzbarkeit oder eine Lösung, die möglichst viele mitnimmt.

Die Wünsche dienen als gemeinsame Orientierung für die nächsten Schritte. Sie helfen beim Formulieren neuer Vorschläge und beim späteren Bewerten. Zugleich bringen sie eine positive Ausrichtung in den Prozess: Noch bevor über Einwände gesprochen wird, entsteht ein Bild davon, was die Gruppe sich wünscht – eine gemeinsame Vision, die verbindet.

Die „Wünsche an die gute Lösung“ sind damit ein systemisch wichtiges Element: Denn obwohl die eigentliche Bewertung über den Widerstand erfolgt, ist das Positive von Anfang an mit dabei.

Der Ablauf eines SK-Prozesses

Im Folgenden wird der Ablauf eines SK-Prozesses mit mehreren Vorschlägen und Widerstandsabfrage beschrieben.

1. Formulierung der Fragestellung und des Rahmens

2. Vorschläge sammeln

3. Widerstandsabfrage

o Eine Person kann mehreren Vorschlägen denselben Widerstandswert geben.

o Daher gibt es keine Obergrenze für die von einer Person vergebenen Widerstandspunkte.

o Die Vorschläge werden auch nicht gerankt.

4. Auswertung

5. Entscheidung

Die Auswertung kann entscheidend oder entscheidungsvorbereitend sein (z. B. für ein Führungsteam oder als Stimmungsbild). Dies sollte bereits vor Beginn der Bewertung feststehen. Es gibt folgende Möglichkeiten:

6. Fortsetzungsfrage

7. Einverständnis für die Umsetzung

Passivlösung

Die Passivlösung beschreibt, was passiert, wenn keine Entscheidung getroffen wird:

Funktion der Passivlösung:

Beispiel:

Passivlösung: „Wir behalten das bisherige Verfahren bei.“
Falls alle anderen Vorschläge mehr Widerstand auslösen, ist es sinnvoll, nichts zu ändern.

Prozessvorschläge: Entscheidungen auf der Meta-Ebene

Nicht selten kommt es während eines Entscheidungsprozesses vor, dass der Ablauf ins Stocken gerät – etwa weil Unklarheiten bestehen, neue Bedenken auftauchen oder sich Unmut zeigt, der sich im Moment nicht auflösen lässt. In solchen Situationen wird häufig ein Vorschlag zum weiteren Vorgehen eingebracht – also ein Vorschlag auf der Meta-Ebene.

Prozessvorschläge betreffen nicht den Inhalt der Entscheidung, sondern die Frage, wie der Entscheidungsprozess weitergeführt werden soll . Sie zielen auf das Wie, nicht auf das Was.

Typische Beispiele sind:

Prozessvorschläge haben Vorrang gegenüber inhaltlichen Vorschlägen. Sobald ein Prozessvorschlag geäußert wird, wird er wie jeder andere Vorschlag behandelt: Es wird die Einwandsfrage gestellt. Gibt es mehrere konkurrierende Prozessvorschläge oder Einwände, wird auch hier systemisch konsensiert.

Vor allem in Live-Settings ist es hilfreich, Prozessvorschläge sichtbar auf einem separaten Flipchart-Blatt oder in einem eigenen Bereich zu dokumentieren. Dies macht deutlich, dass es gerade um eine Entscheidung über den Prozess selbst geht – und hilft der Gruppe, den Fokus bewusst auf die Meta-Ebene zu lenken.

Kooperative Entscheidungsvorbereitung

Systemisches Konsensieren eignet sich sehr gut für die kooperative Vorbereitung von Entscheidungen :

Wesentliche Merkmale:

Vorteile:

Die zwei Achsen: Zustimmung und Widerstand/Akzeptanz

Systemisches Konsensieren unterscheidet zwei grundlegende Dimensionen, die unabhängig voneinander erfasst werden können: Zustimmung und Widerstand-Akzeptanz. Sie bilden ein Koordinatensystem mit zwei Achsen, das die Qualität und Tragfähigkeit von Entscheidungen differenziert abbilden kann.

Zustimmung (Support-Achse)

Zustimmung ist die positive Befürwortung eines Vorschlags. Sie wird direkt erfragt, zum Beispiel durch:
„Wie sehr bist du dafür?“

Zustimmung sagt etwas darüber aus, wie sehr jemand einen Vorschlag unterstützt. Geringe Zustimmung kann bedeuten, dass der Vorschlag der Person egal ist, aber auch, dass sie sehr große Einwände hat.

Akzeptanz (Widerstands-Achse)

Akzeptanz ist die Abwesenheit von Ablehnung. Sie wird nicht direkt erfragt, sondern aus dem ausgedrückten Widerstand abgeleitet:
„Wie sehr bist du dagegen?“ Wie groß ist dein Widerstand gegen diesen Vorschlag?“

Man kann also akzeptieren, was man nicht ausdrücklich befürwortet – zum Beispiel aus pragmatischen Gründen.

Warum zwei Achsen?

Zustimmung und Akzeptanz sind nicht dasselbe. Eine Person kann einem Vorschlag zustimmen und ihn gleichzeitig ablehnen – auf unterschiedlichen Ebenen.

Beispiel:
„Ich freue mich für dich, dass du nach Italien gehst – aber ich bin traurig, weil du dadurch so weit weg bist.“

Das Modell mit zwei Achsen erlaubt es, solche Ambivalenzen sichtbar zu machen.

Priorisieren

Beim Priorisieren geht es nicht um eine einzelne Entscheidung, die dann umgesetzt wird, sondern darum, Elemente in eine Reihenfolge zu bringen – zum Beispiel Agendapunkte in der Reihenfolge, in der sie besprochen werden, Ziele nach ihrer Wichtigkeit oder Seminarinhalte in einer sinnvollen Abfolge. Hier gibt es meist wenig Ablehnung. Hier ist eine Zustimmungs- oder Zuspruchsabfrage sinnvoll.

Wann Zustimmungsabfragen sinnvoll sind:

Vorgehen:

Warum Zustimmungsabfrage hier sinnvoll ist:

Ablehnung ist kein relevantes Kriterium, weil alle Alternativen grundsätzlich akzeptiert sind.

Berechnung der Akzeptanz

Die Akzeptanz eines Vorschlags ist der Komplementärwert zum Widerstand.

Berechnung:

Beispiel:

Anmerkung:

Politische und gesellschaftliche Relevanz

Systemisches Konsensieren stärkt demokratische Prozesse, da es Polarisierungen vermeidet, Machtverhältnisse transparent macht und kooperative Lösungen unterstützt. Im Gegensatz zum Mehrheitsprinzip entstehen keine strukturellen Verlierer.

Grenzen und Herausforderungen

Zusammenfassung

Systemisches Konsensieren ist eine wirkungsvolle Methode für Gruppenentscheidungen, die Konfliktpotenziale sichtbar macht und minimiert. Durch die Konzentration auf Widerstände und deren transparente Bearbeitung entstehen tragfähige und akzeptierte Lösungen. SK stärkt demokratische Prozesse, fördert Kooperation und vermeidet die typischen Fallstricke des Mehrheitsprinzips.

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